Tower Bridge in London

Vielleicht werde es nun doch tun. Vielleicht werde ich den Kopf nicht mehr länger in den Sand stecken, meinen Ärger über den Brexit und meinen Stolz überwinden und einen Antrag auf britische Staatsbürgerschaft stellen. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht.

Ich lebe seit mehr als zehn Jahren in London. Niemals hätte ich gedacht, dass meine deutsche Staatsangehörigkeit einmal nicht mehr genügen könnte, um hier zu leben. Vielleicht wird das auch nach dem Brexit so sein, aber das weiß niemand so genau. Viele EU-Bürger haben Angst, dass sie nach dem Brexit nicht mehr die gleichen Rechte haben werden wie die Briten und es gibt erste Anzeichen, dass das wirklich so sein wird. Zum Beispiel schreiben manche Arbeitgeber schon jetzt in die Arbeitsverträge von EU-Bürgern, dass ihr Vertrag ungültig wird, sollte nach dem EU-Ausstieg die Arbeitserlaubnis nicht mehr gegeben sein. Auch gibt es erste Anzeichen dafür, dass EU-Bürger nicht mehr so leicht an einen Hauskredit kommen oder zumindest als potenzielles Risiko gehandelt werden.

Der Antrag auf britische Staatsangehörigkeit ist zuerst einmal teuer: £1,200 (rund €1400 Euro) kostet der Antrag. In keinem EU-Land wird für solch einen Antrag mehr verlangt als bei den Briten. Aber bevor ich diesen stellen kann, benötige ich eine Permanent Residency Card, die bestätigt, dass ich mein Recht auf Freizügigkeit innerhalb der EU ordnungsgemäß ausgeübt habe. Das sind noch einmal £65 (etwa €75) und der Antrag ist ein Marathonlauf.

Während in anderen EU-Ländern ein einseitiges Formular ausgefüllt werden muss und zwei, drei Dokumente vorgelegt werden müssen, ist der Antrag in Großbritannien 84 Seiten lang (es gibt unterdessen eine Online-Version) und das Paket mit den Nachweisen ist bei manchen Antragstellern über ein Kilo schwer. Dann muss ich noch zum Sprachtest und muss einen “Life in the UK”-Test hinter mich bringen, in dem man alle möglichen historischen Daten abgefragt wird, wissen muss, dass es in Großbritannien ein Recht auf freie Meinungsäußerung gibt und wie viel Prozent der Bevölkerung Waliser sind.

Aber am Schlimmsten ist der Antrag selbst. Wer zum Beispiel einen gemeinsamen Antrag mit seinem Lebenspartner stellt, der muss allein für den Nachweis, dass es sich um einen gemeinsamen Haushalt handelt, mindestens 15 verschiedene Dokumente einreichen, die belegen, dass man zusammen lebt: Diverse gemeinsame Kontoauszüge zum Beispiel oder Wasserrechnungen, auf der beide Namen stehen.

Ich werde hier bei Medium meine Erfahrungen mit dem Brexit, den Anträgen und Verfahren dokumentieren. Denn was in den Medien viel zu kurz kommt, ist die Frage, wie der drohende Brexit das Leben im Alltag beeinflusst. Genau das möchte ich zeigen.

Passionate about accessibility in rail, transport and aviation. German Londoner with two passports, wheelchair-using geek.

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