Wie konnte es nur soweit kommen?

Es gibt wohl keine Frage, die mir in den letzten Monaten öfter gestellt wurde. Ich muss gestehen, der Ausgang des Brexit-Referendums hat mich nicht so wirklich überrascht. Ich hatte zuletzt noch gehofft, dass der Tod von Jo Cox kurz vor dem Referendum die Menschen dazu bewegen wird, überlegt zu wählen und sich nicht auf die Seite von hasserfüllten Menschen stellen. Die Hoffnung wurde nicht erfüllt.

Ich lebe in einem Wahlbezirk von London, der mehrheitlich für den Brexit gestimmt hat. Das ist hier keine arme Gegend. New Eltham ist ein Ortsteil, den man vielleicht als gutbürgerlich bezeichnen würde. Der Ort gehört zur Gemeinde von Greenwich. Ja, genau hier kommt die Zeit her.

Ich lebe seit acht Jahren in dieser Straße. Als ich das erste Mal nach der Straße googelte, stellte ich etwas erschrocken fest, dass eine der ersten Bomben der Deutschen während des Blitz in unserer Straße fiel. Die BBC hatte so eine Karte von London online und unsere kleine Straße kam darin vor. Die Deutschen hatten einen Fernmeldeposten in einem Haus verfehlt, in dem sich etwa 600 Meter entfernt heute die Bücherei unseres Stadtteils befindet, und stattdessen diese Wohngegend getroffen.

New Eltham ist keine Gegend Londons, in der jede Woche ein anderes Haus verkauft wird. Die Leute bleiben hier wohnen. Es ist ruhig, es ist grün und zur Rush-Hour ist man mit einem Schnellzug in 30 Minuten am Trafalgar Square. Die Lebensqualität ist gut.

Als wir am ersten Tag einzogen, kam eine alte Nachbarin zu uns an den Zaun und begrüßte uns. So macht man das hier noch. London mag anonym sein, New Eltham ist es nicht. Sie war um die 90, schätze ich, und als sie fragte, woher wir kommen, sagte ich: “Mein Partner ist Portugiese.” Pause. “Und ich bin Deutsche.” Ich fragte mich in der Sekunde, ob sie wohl schon hier gelebt hat als besagte Blitz-Bombe in unserer schönen Straße einschlug. Sie strahlte mich an und sagte dann: “Das macht nichts. Heutzutage sind wir doch alle Europäer.”

Ich erzähle diese Begebenheit in den letzten Wochen öfter. Es ist keineswegs so, dass in Großbritannien seit Jahrzehnten wegen des Krieges ein Deutschenhass oder ein grundsätzlichen Hass auf Kontinentaleuropäer gepflegt wurde. Aber es hat sich etwas verändert in den letzten Jahren. Den Menschen ging es, auch im gutbürgerlichen New Eltham, schlechter. Termine beim Hausarzt waren nur noch schlecht zu bekommen. Die Mietpreise explodierten. Die Kinder konnten erst mit 25 ausziehen, nicht mit 20. Normalverdiener mussten raus aus der Stadt, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen konnten. Gleichzeitig gab es Kürzungen bei Sozialleistungen. Es wurde eine Überbelegungsabgabe bei Sozialwohnungen eingeführt, die hinterher in Teilen von Gerichten wieder gekippt wurde, weil sie völlig überzogen war. Es wurden immer weniger Wohnungen gebaut. Zum Teil stehen Menschen seit zehn Jahren auf der Warteliste für eine Sozialwohnung. Die wenigen Wohnungen, die gebaut wurden, blieben teilweise leer stehen, weil sie als reines Investment dienten, um Geld zu parken.

Dann auch noch die Nachwirkungen der Bankenkrise 2008. Niemand bekam mehr einen Hauskredit. Bis heute ist es erheblich schwieriger als die Jahre vor der Krise. Das ist in einem Land, in dem die große Mehrheit Hausbesitzer sind, eine Katastrophe. Und die Regierung fing an, für ihre Politik die EU verantwortlich zu machen. Für alles war plötzlich die EU verantwortlich. Für die Wartezeiten in den Krankenhäusern, für den Mangel an Wohnraum, für Sozialkürzungen. Und viele glaubten das statt ihre eigene Regierung in Verantwortung zu nehmen.

Als ich 2006 nach Großbritannien kam, fiel mir sofort auf, wie schlecht das Wissen der Menschen über die EU ist. Ich wurde ständig gefragt, ob es schwierig gewesen sei, als Deutsche eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. Die Menschen wussten nichts über “Freedom of Movement” und dass man als EU-Bürger in jedem EU-Land arbeiten kann. Viele machen zwar die EU für hausgemachte Missstände verantwortlich, aber kennen die Vorteile überhaupt nicht. Dass sie in ein österreichisches Krankenhaus gehen können, wenn sie sich in Tirol beim Skifahren den Fuß gebrochen haben und dass irgendjemand dafür zahlt, ist für alle selbstverständlich. Dass das eine Errungenschaft der EU ist, wissen die wenigsten.

Und dann wurde die Krise plötzlich persönlich. Man suchte für den überall erzeugten Mangel einen Sündenbock und fand neben der EU auch noch die Europäer, ebenfalls angeheizt von verantwortungslosen Politikern, die jegliche Schuld für die vielen Probleme im Land vor allem auf osteuropäische Einwanderer schoben. Kein Termin beim Hausarzt bekommen? Das liegt nicht an den Kürzungen. Das liegt an den Polen, die auch zum gleichen Hausarzt wollen. Keine Sozialwohnung bekommen? Das liegt an den Bulgaren, die auch auf der Liste stehen.

Und noch etwas spielte beim Brexit eine Rolle. Das Land hat eine Identitätskrise. Sie haben alle ihre großen Unternehmen an das Ausland verkauft. Der Mini gehört jetzt BMW. Lebensmittel kommen von Aldi und Lidl während Tesco zunehmend Probleme hat. Das britische Bahnnetz wird zu einem Viertel von der Deutschen Bahn betrieben. Hinzukommen niederländische und französische Bahngesellschaften. Jedes dritte Produkt in meinem Haushalt ist “Made in Germany”. Gemüse kommt aus Spanien. Der Käse aus Frankreich. Wer eine gute Waschmaschine will, kauft Bosch. Kein Land in der EU kauft mehr deutsche Autos als die Briten. 800.000 im Jahr. Selbst Traditionsmarken wie Marmite werden auf dem Kontinent produziert.

Man muss nicht nationalistisch sein, um zu verstehen, dass diese Ausverkaufsmentalität auch etwas mit der Identität der Menschen macht. Ein einst großes Empire stellt kaum noch etwas her, auf das die Menschen stolz sein können. Und wenn sie es herstellen, gehört ihnen die Firma nicht mehr, sondern ist längst an die Nachbarn in Europa oder nach Indien und China verkauft. Dann stellt sich vielleicht irgendwann das Gefühl ein, “die nehmen uns alles weg”, auch wenn man zuvor die Firmen freiwillig verkauft hat. Und dann passiert das, was wir jetzt sehen, man will sich möglichst weit von Europa entfernen. Vielleicht aus Trotz. Vielleicht damit man wenigstens etwas hat, was einen eint: Gegen Europa. Aber auch das scheitert gerade.

Das Land ist tief gespalten. Die “Remainers” auf der einen Seite und die “Brexiteers” auf der anderen. Nicht einmal ein Dagegen ist irgendwie noch identitätsstiftend. Das Land ist in einer tiefen Krise. Es wird schwer werden, das wieder zu kitten.

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